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„Umbringen kann ich mich in 14 Tagen noch“ – Suizidprävention bei der TelefonSeelsorge

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Worauf kommt es an, wenn die TelefonSeelsorge sich mit Suizidprävention befasst? Was muss geleistet werden, damit eine suizidgefährdete Person umdenken kann und worauf müssen eigentlich die Seelsorger achten? Zu diesen Fragen habe ich Michael Hillenkamp, unseren Sprecher der katholischen Konferenz für TelefonSeelsorge und Offene Tür, befragt.

27 Jahre macht Hillenkamp schon TelefonSeelsorge und weiß, wie es sich anfühlt, wenn der Gesprächspartner (wir meinen natürlich immer beide Geschlechter) für sich keinen Ausweg mehr sieht. Er lässt sich Zeit, als er die Antworten formuliert und ich spüre, dass es die Vielzahl an Erfahrungen ist, die er in seinen Antworten kanalisieren will. Dennoch ist das Gespräch erfrischend locker. Offensichtlich kann er mit suizidalen Gesprächsthemen gut umgehen und im Interview wird klar, dass er eine genaue Vorstellung von Verantwortung und Abgrenzung hat.

„Ein Kontakt auf Zeit“

Als ich ihn frage, wie er die Arbeit der TelefonSeelsorge beschreiben würde, antwortet er: „Es geht  in erster Linie nicht darum Probleme zu lösen und Schwierigkeiten festzustellen. Es geht darum, in Kontakt zu kommen, die Person zu verstehen. (..) Das zweite, was wichtig ist, ist eine ganz grundlegende Bescheidenheit. Wir wissen, dass wir niemanden davon abhalten können, den Schritt letztendlich zu tun.“ Den zweiten, zunächst machtlos wirkenden Satz, löst er gleich darauf auf: „Das ist einerseits anstrengend, weil man denkt ‚Ich müsste doch‘, andererseits eine große Entlastung. Wir sind frei und können über das Thema reden, weil wir die Entscheidung nicht  treffen müssen. Aber wir können mit Menschen darüber reden, was alles dazu gehört, eine gute Entscheidung zu treffen. Und weil es immerhin darum geht, dass einer nicht mehr lebt, muss die Entscheidung  ausreichend und gut überlegt sein. Umbringen kann ich mich in 14 Tagen noch.“

Es geht also um die Strukturierung der Gedanken und wie das Aussprechen dabei helfen kann. Klar, dass es dabei auch um Menschen geht, die allein sind. „Und wichtig ist noch was anderes, dass ich im Kontakt mit jemandem bin“, fühlt  Hillenkamp mit.

Wir kommen darauf zu sprechen, was den Unterschied der TelefonSeelsorge zu einem Gespräch mit einer nahestehenden Person ausmacht: „Die TelefonSeelsorge bietet einen Kontakt auf Zeit an, der jetzt nicht mit Menschen zu tun hat, die einem eng verbunden sind. Manchmal sind die ja Teil des Problems.“ Schon vorher sagt er mir: „Diese Nähe, die Möglichkeit sich auszusprechen geschieht in Entfernung und ist dadurch eine Möglichkeit anonym zu bleiben und über Dinge zu sprechen, die mit sehr viel Scham und großen Ängsten  belegt sind. Zugleich bin ich keinem verpflichtet. Wenn ich jemandem verpflichtet bin, mit jemandem eng zusammen lebe, dann kann ich manches nicht sagen, weil ich den möglicherweise in Stress setze, weil ich nicht weiß, was passiert, weil der handeln will, und und und…“

„Ich möchte so nicht mehr leben“

„Die allermeisten Menschen, die über Suizid reden, reden eigentlich darüber, dass sie so nicht mehr weiterleben können. Und das ist oft sehr verständlich. Dass sie gedemütigt wurden, dass sie in schwierigen Lebenssituationen stecken.“ Es geht also oft nicht um eine Todessehnsucht, lerne ich, sondern darum, dass das Leben so schwer zu tragen ist. Diese Unterscheidung ist wichtig, denn da könne man anknüpfen und mit den Betroffenen reden.

„Das Qualitätsmerkmal von TelefonSeelsorge ist, dass es Laien sind“

Ich komme darauf zu sprechen, dass die TelefonSeelsorge mit Ehrenamtlichen arbeitet „Das Qualitätsmerkmal von TelefonSeelsorge ist, dass es Laien sind. (…) Dass es ganz normale Menschen sind, die den Mut haben, sich von den Gefühlen der Anrufer berühren zu lassen und mitzugehen auf diesem Weg.“ In mir wächst das Bewusstsein, wie nahe es auch dem TelefonSeelsorger gehen müsse, wenn er oder sie (es arbeiten mehr Frauen als Männer ehrenamtlich für die TelefonSeelsorge) ein Gespräch über Suizid führt. „Sie können nicht 40 Stunden, nicht mal 20 Stunden Telefonarbeit in der Woche machen.  (…)  Für die Ehrenamtlichen haben wir eine gute Struktur, die arbeiten alle 10 Tage für vier Stunden, so Pi mal Daumen. Und das ist eine Struktur, die sie ganz gut halten können. “  So könne man die Seelenhygiene ganz gut hinbekommen.

„Es müssen uns die Dorflinden erhalten bleiben“

Dorflinde

Dann sprechen wir über die Ursachen von Suiziden. Hillenkamp verweist zunächst darauf, dass es im Auge des Betrachters liege, wie er die Situation beurteile und unterscheidet zwischen medizinisch orientierten Leuten und Menschen aus der Sozialpsychiatrie. So wären die einen geneigt, eine krankheitsbedingte Ursache zu suchen, während die anderen eher Lebensumstände (Beziehungsprobleme, Schulden, Sucht usw.) ungünstig einschätzen würden.

Ich frage nach und weise auf die rückgängigen Suizidzahlen seit den 70er Jahren hin. Es ist klar, dass die Enttabuisierung eine große Rolle gespielt hat und dass auch die Akzeptanz für schwierige oder andere Lebenswege gestiegen ist  „Scheiden… sich scheiden zu lassen… oh, das war schon was ‚Komisches‘. Und wenn sich jemand umbrachte, das war überhaupt nicht aussprechbar.“  Viel habe sich da getan in unserer Gesellschaft. „Dass wir heute darüber sprechen können, erleichtert es den Menschen, sich Hilfe zu holen.“ Die Enttabuisierung sei Grund für den Rückgang der Suizide und er führt  weiter aus „Die Äußerung nicht mehr leben zu wollen, ist eine Äußerung vom Menschsein. Es ist nichts vom Himmel Gefallenes oder aus der Hölle Entstiegenes, sondern eine Krise in der sich Menschen befinden können. Punkt.“

Letztlich frage ich noch danach, ob wir gesellschaftliche Gefahren fürchten müssen, die einen Anstieg von Suiziden mit sich bringen könnten. „Vereinsamung ist ein großes Thema und wir hängen auch durch die technologische Entwicklung viele Menschen ab, die sich wertlos und nicht mehr gebraucht vorkommen. Denn es geht immer auch um Teilhabe an der Gesellschaft und gesellschaftlichem Leben. Da müssen wir aufpassen.“ Als Gedankenbild fügt er noch die Dorflinde an, die eine sehr wichtige Rolle des gesellschaftlichen Lebens übernahm. „Das Büdchen, wo man noch stand und erzählte vom Leben und den alltäglichen Dingen.“ Und diese Dorflinden, Büdchen, Kioske oder vergleichbare Orte müssten erhalten bleiben.

„Die spannendste Welt liegt in der Seele der Menschen“

Hillenkamp selbst kennt Gespräche, die ihn geprägt haben. Für sich selbst macht er Seelenhygiene indem er joggen geht, sich Auszeiten gönnt und versucht stark zwischen seinem Privatleben und der Arbeit zu trennen. Auf meine Frage, warum er sowas wie Suizidprävention macht, antwortet er „Die spannendste Welt liegt in den Seelen der Menschen“  und bringt damit zum Ausdruck, dass er sich immer sehr für sein Fach interessiert hat und gerne mit Menschen und ihren Seelenzuständen umgeht. „Das ist ein Beruf bei dem es sich ähnlich verhält wie beim Wein. Als älterer Kollege hat man viel Erfahrung und das ist nicht schlecht in so einem Beruf.“ Das meine ich auch und danke an dieser Stelle für das Gespräch.

Einige Punkte des Gesprächs wurden nur kurz angerissen. So darf nicht unerwähnt bleiben, dass die Auswahl der TelefonSeelsorger ein langer Prozess ist und mit zahlreichen Stunden der Einarbeitung und regelmäßigen Supervisionen ist.

Das Interview führte Astrid Fischer